BlackBerry PRIV im Langzeittest: es ist nicht immer das drin was drauf steht

Ich nutze nun seit 2 Monaten den neuen Android Slider von BlackBerry: das PRIV. Das private und berufliche Fazit ist sehr durchwachsen, obwohl es am Anfang wie ein Mund voller Brause war. Und schließlich steht ja auch BlackBerry drauf.

Ich werde bewusst nicht auf alle Kleinigkeiten der BlackBerry Anpassungen eingehen, da Android so offen und anpassbar ist. Viele Nutzer haben sich zum Beispiel direkt den Nova Launcher installiert, da dieser mehr bieten würde. Nichts desto trotz habe ich das PRIV out-of-the-box genutzt. Trotzdem musste ich einige Apps installieren, dazu später mehr.

Wenn ich ein Gerät nutze, dann sollte es produktiv und langatmig sein. Nach der Nutzung eines BlackBerry OS10 konnte ich es mir nicht vorstellen, dass ein Android Gerät dies schaffen sollte. Aber BlackBerry versprach mit diversen Anpassungen diesen Herausforderungen zu begegnen.

Konfiguration

Das PRIV ist gegen einen BES12 im Android for Work Premium aktiviert. Dies bedeutet die Nutzung von BlackBerry Secure Connect Plus (IP Tunnel) und mindestens 2 E-Mail-Konten.
Als Konten habe ich 3 Exchange Konten, Facebook, 4 Twitter Konten, Instagram, LinkedIn, Xing, Skype, Tango Networks und BBM eingerichtet.

Empfang

WLAN Empfang ist super. Einen Tick mehr Reichweite als das Passport.

GSM ist auch nicht schlecht. So gut wie nie Netzverlust.

Was aber schlecht ist: Handover zwischen den Netzen. War das PRIV im LTE eingeloggt, wurden sehr oft ankommende Anrufe nicht durchgestellt, da der Netzwerkwechsel nicht funktionierte. Auch ausgehende Anrufe kamen entweder gar nicht oder sehr stark verspätet zustande.

Im Ruhezustand gefiel aber der Netzwechsel. Im geschlossenen Raum nur GSM, kaum vor der Tür war das PRIV im LTE eingeloggt.

Die Gesprächsqualität weiß auch zu überzeugen.

Akku

Der Akku des BlackBerry PRIV ist auf dem Papier im oberen Bereich angesiedelt: 3410mah. Damit sollte eine Nutzung über einen ganzen Tag möglich sein.

Kurz gesagt: ist nicht möglich.
Lang gesagt: das Energiemanagement muss dringend überarbeitet werden.

Das Display, das sehr zu gefallen weiß, verbraucht den größten Teil. Bei der Größe und der Pixeldichte kein Wunder, aber das können andere Hersteller besser. 3 Stunden mit 1 Stunde Screen-on-time und es sind schon 13% verbraucht, ergo hab ich jetzt noch 87% Restladung. Dabei ist das Display auf unter 50% Helligkeit mit automatischer Anpassung eingestellt.

Nachtrag: die magische Grenze von 100 Grad Celsius bekomme ich noch geknackt. Den Screenshot habe ich nach einem Neustart gemacht, da der Tango Client abgestürzt war.

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CPU

Diesen Text habe ich auf dem PRIV mit Word geschrieben. Circa 10 Minuten und die CPU hat jetzt schon 58 Grad Celsius erreicht.

Noch schlimmer war es bei einem Skype Gespräch. Da der BBM auf hausfremden OS keine Videotelefonie beherrscht, nutze ich nun das Konkurrenzprodukt von Microsoft. Da der Akku nur noch ein paar Prozentpunkte hatte war ein Ladegerät angeschlossen. Das Standard, kein Quickcharge! Das bietet BlackBerry bisher nicht an. Zurück zur Situation: dasselbe passiert auch beim Streamen eines Filmes. Nach ein paar Minuten erreichte die CPU bis zu 86 Grad Celsius. Es war unmöglich das Gerät weiterhin in der Hand zu halten.

Nicht nur, dass die CPU verdammt heiß wird. Auch die Leistung reicht nicht aus. Es fängt mit Verzögerungen bei Texteingabe an oder zeigt sich in Nichtreagieren bei App Wechsel.
Übrigens habe ich gerade noch zwei BBM Nachrichten über den Hub geschrieben und einen Zeitungsartikel im Browser geöffnet. Die CPU hat nun 70 Grad Celsius und der Akku ist runter auf 81%.

Der Governor des Kernels scheint noch nicht perfekt abgestimmt zu sein. So werden trotz einer Hauptapp im Vordergrund nur die leistungsschwachen Kerne genutzt. Oder die doch sehr sprunghafte Anpassung des Haupttaktes ist nicht das Gelbe vom Ei.

Speicher

Gut finde ich die Möglichkeit, den Speicher per SD Karte zu erweitern. Das PRIV hat auch ab Werk die Möglichkeit für App2SD, man kann also Apps auch auf der SD Karte installieren.

Typisch Android sind meist 80% des RAMs belegt, obwohl man nicht viele Apps offen hat oder viel gemacht hat. Oft genutzter Code wird in den RAM geladen damit dieser schnell verfügbar ist. Gute Idee, aber Android hat dadurch öfter mal mit Ressourcenproblemen zu kämpfen.

Generell hat der Speicher vom PRIV Leistungsprobleme. Die Verschlüsselung des Speichers hat nichts damit zu tun, diese ist teilweise durch Hardware realisiert und zeigt auch keine Nachteile auf anderen Systemen. So macht man zum Beispiel ein Foto, die Kamera ist wirklich gut, wenn es hell ist, und es dauert gefühlt eine Sekunde bis es gespeichert wurde.

Oder man sucht eine Datei auf dem System. Kann schwierig werden, was mich auch zum nächsten Punkt bringt.

Software

Ich liebe den Hub. Zentraler Nachrichteneingang für Android. Top.

Was ich nicht liebe ist die mangelhafte Zusammenarbeit mit meinem Exchange. So werden interne und externe E-Mails nicht durchgestellt. Und das nur auf dem PRIV. BlackBerry Passport mit OS10.3.2, Samsung Galaxy S6, iPhone 6 Plus mit iOS9.3 Beta und Lumia 930 mit Windows 10 Insider Preview rufen alle Nachrichten zuverlässig ab.

IMAP Konten sind auch eine Eigenart auf dem PRIV. So nutzt das PRIV als Standard “Sent messages” und nicht “Sent”. Somit werden gesendet Nachrichten nicht korrekt zwischen mehreren Geräten abgeglichen. Konto im PRIV gelöscht, im Webmail den Ordner der gesendeten Nachrichten gelöscht, Konto im PRIV neu eingerichtet und dann wird auch ” Sent” genutzt, auf allen Clients.

Was auch ärgerlich ist: das erste eingerichtet E-Mail-Konto wird als Standard Konto für ausgehende Nachrichten verwendet. Möchte man das Konto wechseln, muss man die Konten löschen und das neue Standardkonto als erstes Konto wieder einrichten. Zum Glück kann man wenigstens im Kalender das Standardkonto im Nachhinein wechseln.

HTML E-Mails im Hub werden nicht korrekt dargestellt, das Rendering passt nicht. Das ist ärgerlich, ist es doch eigentlich eine Stärke von BlackBerry gewesen. So muss man in solchen E-Mails herauszoomen, um den Inhalt komplett lesen zu können.

BlackBerry hat viele Ideen gehabt und versucht sie umzusetzen. Die Ideen sind gut…

PRIV steht für Privacy sagt man. Stimmt so nicht. Die vorinstallierte BlackBerry App DTEK zeigt mir wie oft eine App auf sensible Daten zugreift. So weiß ich nun, dass Facebook in den letzten 7 Tagen 287 mal auf meinen Standort zugreifen wollte. Verhindern kann die App dies nicht.

Hier muss man auf Android 6 warten. Doch auch dann müssen App Entwickler ihre Apps auf API Level 23 anheben müssen und die Option zur Berechtigungsbearbeitung freigeben. Huawei zum Beispiel gibt dem Nutzer diese Möglichkeit mit Android 5 durch eine Eigenentwicklung. Warum BlackBerry dies nicht tat ist mir unbegreiflich.

Desweiteren sind die vollen Google Services installiert. Herzlichen Dank. BlackBerry muss alle nehmen, da Google diese nur in im Gesamtpaket anbietet. Daher steht auch beim Gerätestart „powered by Android“ auf dem Display. Es ist ärgerlich.

BlackBerry hat viele Apps erstellt. Zum Beispiel für Kontakte, Notizen und Kalender. Es fehlt ein Datei Explorer. Völlig unverständlich für mich. Ein Explorer wie in OS10 ist wünschenswert. Auch ein Medienplayer.

Für Fotos wird Google Fotos als Standard genutzt. Erstens hat die App einen miesen Funktionsumfang und zweitens synct sie ganz gerne zu Google. Der Nutzer findet auch zwei Apps namens Notizen. Einmal von Google und die andere von BlackBerry. Da muss man schon aufpassen welche man nimmt und wohin die Notizen hochgeladen werden.

Die BlackBerry Apps nutzen zum Abgleich die im Hub hinterlegten Konten. Das funktioniert sehr gut und man erkennt wohin seine Daten geschickt werden.

MDM

BlackBerry will und muss vom Secure Work Space (SWS) weg. Gründe: Kosten und Leistungsspektrum. Nachfolger wird die Good Suite, die in BES integriert wird.

BlackBerry hat es sich aber leicht gemacht und vermarktet das PRIV mit einem besonderen Abkommen mit Google. Doch Android for Work kann jedes Android Smartphone ab Version 5 des Betriebssystems. Und auch andere EMM Anbieter können diese native Android Lösung adressieren.

Android for Work einzurichten ist sehr komplex und dank Google ständig anders. Gefühlt jeden zweiten Tag ändert das Unternehmen etwas in der Admin Konsole.

Richtet ein unbedarften Admin AfW im BES ein, wird die gesamte Organisation in Google gespiegelt. Ob das die Kunden wirklich wollen?!

Wenn man doch das Know-How hat, wieso bietet man nach fast 1,5 Jahren Entwicklungszeit nicht etwas wie KNOX an? Die Hardware Komponenten hat man, fehlt nur die Software. Das wäre ein Mehrwert gewesen. Auch für Privatkunden.

Hardware und Verarbeitung

Am Anfang schrieb ich noch etwas von Produktivität. Texte markieren und kopieren ist ein Graus. Doch das PRIV hat eine kapazitive Tastatur. Sie dient auch als TouchPad zum Navigieren durch eine Webseite zum Beispiel. Sie ist gut, reicht aber nicht an die des Passports heran. Es sind zwar wieder 4 Reihen verbaut, aber Druckpunkt und Größe lassen zu wünschen übrig. Die Haptik ist alles andere als hochwertig.

Ich habe mehrere PRIV in den Händen gehalten und genutzt. Mechanische Teile haben nun mal nicht die Steifigkeit eines Barren. Der Slider ist gut, aber das PRIV wackelt. Es klappert der Bildschirm. Es gibt Video Tutorials, die einem eine bestimmte Drehbewegung zeigen, damit es nicht mehr klappert. Manche schreiben auch, man solle ein Case nutzen. Auch um die labbrige Rückseite nicht zu registrieren.

Ein Smartphone für 780€ und der Vermarktung als Premium Gerät verzeihe ich solche Dinge nicht. Und das mutet man auch keinem Kunden zu.

Premium ist auch nicht die versprochene Sicherheit. Das ist ein Stock Android mit einem SE Kernel und DTEK. BlackBerry hat einiges getan: 3 Bootloader, kein Root, Hardware Verschlüsselung. Dazu kaufte man einen Kernel ein, der dem System Sandboxing bringt. Aber Google Services und keine Berechtigungsverwaltung haben nichts mit Sicherheit und Privatsphäre zu tun.

Das PRIV soll Premium sein und auf der MWC will man ein Gerät für das preisliche Mittelfeld anbieten. Von der Performance und der Verarbeitung sind wir schon in diesem Bereich, wie soll dann das neue Gerät werden?!

Ich wollte heute nachmittag noch telefonieren und hab nur noch 68% Akku nach 1 Stunde. Wer hat mitgerechnet?

Das PRIV hätte etwas werden können. Leider sind wir hiermit viel zu weit von Premium entfernt und Ideen wurden nur unbefriedigend umgesetzt. Auf Privacy müssen wir noch ein paar Wochen warten. Wie es BlackBerry dann genau in Android umsetzt bleibt abzuwarten. BlackBerry PRIV mit Privileg zu vermarkten …

Aber es steht doch BlackBerry drauf?!

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